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20 | 05 | 2012
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Donnerstag, den 05. November 2009 um 08:52 Uhr

Anlässlich der 60 Jahr Feier der Peter-Petersen-Schule Hannover hielt Prof. Dr. phil Dr. h.c. T. Ziehe den Vortrag "Veränderte Alltagswelten und Lernstile Jugendlicher".

Hier können Sie diesen Vortrag noch einmal nachlesen.

 

Thomas Ziehe

Veränderte Alltagswelten und Lernstile Jugendlicher


Die Alltagskultur, in deren Selbstverständlichkeiten die Jugendlichen heute hineinwachsen, ist nicht mehr wie früher vorwiegend normen-reguliert, sondern sie ist eher präferenz-bezogen, also an persönlichen Vorlieben und Empfindlichkeiten orientiert. Dies ist Folge einer umfassenden Enttraditionalisierung, durch die wir alle in den letzten dreißig Jahren hindurchgegangen sind. Und es bedeutet für Jugendliche, die heutzutage in diesen Kontext hineinwachsen, einerseits einen Gewinn an Liberalität, an vermehrten individuellen Deutungs-und Handlungsspielräumen; andererseits bringt diese Enttraditionalisierung für den einzelnen aber auch eine höhere Orientierungslast mit sich.

Positiv gesehen zeigt sich hier ein erhöhtes Maß an motivationalen Freiheiten. Der Modus der Optionalität, d.h. der Möglichkeit, aber auch der Notwendigkeit, auswählen und selbst entscheiden zu sollen, ist recht alltäglich geworden, und die Individuen wachsen von Kindesbeinen an in diesen Modus hinein. Optionalität beinhaltet ebenso die Möglichkeit, abwählen zu können; in Optionalität ist auch eine Kündigungs-Disposition eingebaut. Es ist alltagskulturell leichter geworden, gegenüber solchen Außenerwartungen, die man als unangenehm oder riskant empfindet, "Nein" zu sagen. Der innere Abweichungsspielraum der Jugendlichen gegenüber dem, was Institutionen von ihnen wollen, hat sich mithin deutlich ausgeweitet und die Vermeidung von Unbehagenszonen wird ein stetig mitlaufendes Alltagsmotiv.

In den Sozialwissenschaften haben die Grundbegriffe Kultur, Gesellschaft, Persönlichkeit einen hohen Strukturierungswert. Ich möchte hier entlang dieser Begriffe drei Veränderungen von Mentalitäten und Lebensorientierungen darstellen -also: als verändertes Verhältnis zur Kultur, zur Gesellschaft und zum Selbst. Hierbei gehe ich in stark typisierender Weise vor, d.h. ich abstrahiere von den realen Unterschieden der Milieus, Lebenslagen und Altersstufen und richte mein Augenmerk kultursoziologisch auf ganz bestimmte Gemeinsamkeiten im ansonsten Unterschiedlichen.

Popkultur als mitlaufende Alltagsbegleitung

Die Individuen werden nur noch in schwachem Sinne von einer "Allgemeinkultur" gesteuert. Das frühere Prestigegefalle zwischen Hochkultur und Populärkultur ist heute in einem enormen Ausmaß enthierarchisiert. Die Bedeutung der Hochkultur wird in erheblichem Maße relativiert. Früher war die Hochkultur eine Art symbolisches Dach der Gesellschaft, auf das die Menschen sich nonnativ zu beziehen hatten (oder zumindest so tun mussten, sonst wäre dies rufschädigend gewesen). Damit meine ich nicht, dass sich früher im empirischen Sinne ein Großteil der Bevölkerung tuT Hochkultur interessiert hätte. Aber man kann durchaus sagen, dass die Hochkultur als ein Symbolbestand fungierte, auf den man sich beziehen musste. Also: keine Festrede ohne Goethe-Zitat -nicht, weil die meisten Menschen Goethe gelesen hätten, sondern weil Goethe als Symbol nicht zu übergehen war. Das hatte erhebliche Effekte bis hinein in alle Bildungsbereiche. Ich denke etwa an die Dankbarkeit, die zu früheren Zeiten Menschen empfunden und ausgedrückt haben, die zunächst biographisch keinen Zugang zu Bildungswissen hatten und denen sich dann nachträglich über zweiten Bildungsweg oder Volkshochschule eine Teilhabe an solchen Bildungsprozessen eröffuete. Das zeitigte bei diesen Menschen erhebliche Dankbarkeitseffekte, nach denen wir heute nur suchen könnten. DelU1 die Situation hat sich radikal geändert. Jetzt hat sich ein viel weiteres Verständnis von Kultur durchgesetzt, und es wird jetzt zur individuelle Option des einzelnen, inwieweit er sich auf die Hochkultur einlassen möchte oder nicht.

Die Alltagswelt, die die heutigen Jugendlichen umgibt, ist mit der Populärkultur fast bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen. Fußgängerzone, H&M, Walkman, Handy, SMS, HipHopHosen, Piercing, Daily Soaps, Musikkanäle, MP3-Player -all dies ist ebenso allgegenwärtig wie alltäglich, ebenso aufdringlich präsent wie absolut gewohnt. Die Sozialisationsumwelt besteht aus einer Fusion von Normalalltag und Populärkultur. Sie erlaubt es den Jugendlichen, Abstände einzubauen und sich, wenn situativ gewünscht, in eine Parallelwelt zu den Elterninstanzen und den Institutionen zu begeben. Sie erlaubt es, sich selbst anzuschließen und ein mehr oder weniger weltweites Angebot an Bild-, Musik-und Infonnationsströmen beständig durchzumustem und selektiv wahrzunehmen.

Informalisierung der Verhaltensmuster

Eine zweiter Modemisierungseffekt betrifft die Umgangsstile der Jugendlichen, und diese Schwierigkeit ergibt sich aus der fundamentalen Infonnalisierung des heutigen Alltagslebens. Strengere Verhaltens-und Disziplinierungskontexte, die auch das Innenleben der Menschen ebenso rigide wie nachhaltig fonnierten, gehören mehr oder weniger der Vergangenheit an. Schon der kurze Blick auf ein Klassenfoto z. B. der 50er-Jahre würde sofort evident machen, wie sehr Mimik, Körpersprache, Kleidungskonventionen und Rollensymbole die Mikrowelten des Alltagslebens bis in die Feinheiten bestimmt haben. Die sozialen Lebenswelten waren umfassend verregelt, disziplinäre und rollenbezogene Verhaltensnormen sicherten die Feinregulierung der zwischenmenschlichen Verkehrsformen und der innerpsychischen Selbstbeobachtung. Die fiüheren Regelsysteme beinhalteten ebenso die deutliche Unterscheidung von sozialen Geltungsbereichen -das bedeutete insbesondere, die private und die öffentliche Sphäre auseinander halten zu können sowie äußere Symbolsysteme und innere Phantasievorgänge nicht in eins zu setzen. Diese Unterscheidungen wirkten sich aus bis in die mikrosozialen Feinheiten der Verhaltensstile und Selbstbilder. Gewiss, es nahmen sich Jugendliche im Pubertätsalter, zumindest in nachtraditionalen Gesellschaften, die Freiheiten, solche feinen Regelwerke partiell auszusetzen; sie gelangten dann aber im Prozess der Annäherung an soziale Leitbilder der Erwachsenheit schließlich doch wieder im "gesicherten Hafen" sozialer Fonnvorgaben an.

Das ist aus heutiger Sicht lange her. Nun werden Phänomene der Aufhebung von Gelnmgssphären und des Fortfalls von Selbstrücknahme in einem solchen Maße auffallig, dass die klassisch-moderne Diagnose der "Nervosität" geradezu als Untertreibung erscheint. Es geht nicht mehr um ein temporäres Lockern oder Aussetzen der Regelsysteme während der Pubertätsphase, sondern um Veränderungen des sozialen Habitus insgesamt. Die alltägliche Lebenswelt ist geprägt von Entgrenzungen, Vermischungen und Überkreuzungen, die Nonnalitätsstatus bekommen haben. Selbstverständlich gibt es nach wie vor institutionelle und private Bereiche, in denen es anders zugeht, aber die haben eher den Status von Inseln in einem Meer der selbstverständlich gewordenen Infonnalisierung.

Pubertierende erfahren somit ihre entwicklungsbedingte Entgrenzungslust nicht im Kontrast zur Sozialwelt der Erwachsenen, sondern allenfalls als verschärfte Variante dessen, was sowieso alltäglich ist. Man müsste nur dreißig Vierzehnjährige auf Klassenfahrt begleiten und beispielsweise beim gemeinsamen Abendessen in der Jugendherberge dabei sein -Impulsivität, Expansivität, Zerstreutheit und weitest gehender Etiketteverzicht sind zum Normalfall geworden. Die alltäglichen Verhaltensfonnen sind, um es auf nur zwei Kategorien zuzuspitzen, infonnalisiert und unterstrukturiert. Und sie weiten sich auf zweierlei Weise aus: Sie wandern nach außen, d.h. aus der Privatwelt werden sie fast ungefiltert in die Institutionen ,mitgenommen". Und sie wandern nach innen, d.h. Infonnalisierung und Unterstrukturiertheit prägen auch die Binnenverhältnisse der Persönlichkeit. Man kann zwar zunächst einmal im Vergleich zur autoritären Alltagskultur der Vergangenheit einen begrüßenswerten Liberalisierungsgewinn festhalten. Aber mit wachsendem Abstand zu den Enttraditionalisierungsschüben der 70er-Jahre werden auch im öffentlichen Diskurs die Habitusfolgen dieser Entstrukturierungen deutlicher artikuliert. Es ist mittletweile deutlich geworden, dass die weitere Forcierung von Entgrenzungen und Entstrukturierungen wohl kaum eine zeitangemessene Lösung sein kann.

Im Gruppenverhalten, z.B. in der Schulklasse, kumulieren die individuellen "Nervositäten" zu einem unüberschaubaren Interaktionsmix von offizieller Unterrichtsoberfläche und themenfernem Nebengeschehen, das an seinen Rändern ständig ausfranst und auch von sehr erfahrenen Lehrkräften nur mit größter Mühe und Kraftanstrengung halbwegs stabilisiert werden kann. Im institutionsbezogenen Verhalten haben die Jugendlichen erhebliche Probleme damit, Regeln, Zeitstrukturen und Verabredungen einzuhalten. Auch dies kann man als eine Facette der Unterstrukturiertheit sehen, und zwar als ein Verhalten, das sich zumeist keineswegs im persönlichen Sirme gegen die Pädagogen richtet, sondern das den betreffenden Jugendlichen einfach "passiert".

Und ebenfalls von Informalisierung und Unterstrukturiertheit tangiert sind veränderte Modi der individuellen Wahrnehmung. Insbesondere wird die Wahrnehmung schneller und zerstreuter. Die Wahrnehmungsbeschleunigung bedeutet eine Gewöhnung an "Fragmentierungen, Segmentierungen, Abbrüche, Überblendungen und Zusammenballung von Augenblicksmomenten" -bei gleichzeitiger Neigung zum plötzlichen Umschlag in Langweile und Überdruss. Subjektiv bevorzugt wird der Modus des Gleitens und Springens, eher abgelehnt werden Wahrnehmungsmodi, die langsamer Natur sind oder linear strukturiert sind.

Subjektivierung der Selbstwahrnehmung

Ein drittes Phänomen kultureller Modemisierung bezieht sich auf das Verhältnis zum Selbst, zur eigenen Innenwelt und ihren Motiven. Es kommt zu einer gewandelten Qualität von Selbstbeobachtung. Das Individuum kommt nicht umhin, Teil zu haben an der forcierten Selbstbeobachtung der Gesellschaft; das Individuum kommt deshalb nicht umhin, sich selbst schärfer und isolierter zu beobachten, auch unter Absehung und in Differenz zur "Gesellschaft". Die klassischen Fragen Wer bin ich? Was will ich? werden gewissermaßen psychologisiert und veralltäglicht. N. Luhmann hat dazu einmal gesagt: Die Innenbeleuchtung der Individuen ist eingeschaltet. Die früheren Sonderwissensbestände der Psychologie und der Sozialwissenschaften sind in das Alltagswissen eingegangen, sie werden inzwischen sogar in den Nachmittags-Talk Shows und simulierten Therapiesendungen von den Mitwirkenden zur Selbstbeschreibung verwendet. Subjektivierung der Motivationen heißt dann, dass die Selbstorientierung sich stark an eigenen. hoch persönlichen Bewertungsstandards ausrichtet. Und das der bedarf nach Kriterien hierfür sehr hoch ist. sich aber gleichwohl weniger als früher an "einfachen" Konfonnitätsregeln ausrichten kann. 1. Habennas beschreibt diesen Prozess als Auseinandertreten von Ichideal und Überich. Die Daily Soaps in den Vorabendprogrammen des Fernsehens sind eine nicht enden wollende Demonstration solchen Subjektivierungsdranges. Dort reden -innerhalb intimer Freundschaftsgruppen -alle über alles, vorzugsweise über Beziehungskonflikte und Selbstwahmehrnungen. Es gilt das unbedingte Gebot psychischer Transparenz. Durch grenzenloses Miteinander-Reden soll ein jeder im Fluchpunkt einer Utopie der Selbsterkenntnis über sich selbst und über die (relevanten) anderen möglichst ..alles" wissen. Dem stehen natürlich. sonst würde der Soap auch jegliche Dramaturgie fehlen. geradezu gewohnheitsmäßige Selbsttäuschungen entgegen. Erst in immer wiederkehrenden Gesprächsschleifen kann ein Akteur schließlich davon überzeugt werden, dass er schon des längeren verliebt ist. Er hat es nicht wahr haben wollen. die anderen haben es schon lange gewusst. und nun sieht er es selbst ein. Bis die nächsten inneren Rätsel auftauchen...

Der Zwang zur Introspektion bleibt nicht ohne Folgen für die eigene Selbsteinschätzung Der Bedarf nach Kriterien einer authentischen. ich-gerechten Selbstbewertung ist groß. Gleichzeitig ist das media-populärkulturelle Angebot an Bildern der Grandiosität und Perfektionierung ebenso eindrücklich wie aufdringlich. Häufig stehen für die Individuen ungefilterte Größenvorstellungen unvennittelt neben einer negativen Selbsteinschätzung der realen Fähigkeiten. Die Größenvorstellungen beschränken die psychischen Möglichkeiten, sich beim Anstreben von Bedürfnissen und Zielen realisierbare Zwischenziele zusetzen und die Nichtgrandiosität dieser Zwischenziele dann auch auszuhalten. Die Folge sind innere Schamkonflikte. eine hohe Empfindlichkeit für Erfahrungen der Kränkung und Zurücksetzung und eine Dauerbeschäftigung mit der heiklen Frage, wie man denn "in den Augen der anderen" dastehe. Innere Konflikte zwischen mehreren Motiven, die sich gegenseitig widersprechen werden zum wahrscheinlichen Nonnalfall. Die Möglichkeit des Individuums. sich nur je paniell in verschiedenen Subsystemen "aufzuhalten", die eigene Identität indessen nicht institutionsbezogen, sondern selbstorientiert aufzubauen, lässt sich als eine motivationale Pluralisierung des Individuums beschreiben. Und die kostet ihren Preis -durch Vielzahl der (abstrakten) Möglichkeiten, wird es subjektiv immer aufwendiger, tur sich selbst feste Prioritäten setzen zu können.

Um sich vor solchen Selbstwertrisiken zu schützen, entwickeln vielen Individuen Venneidungsmechanismen, die ihnen helfen, diesem Konflikt defensiv auszuweichen. Die sich widersprechenden Motivlagen werden innerlich nicht hierarchisiert, sondern gleichsam alle zusammen abgewählt. Die innere Affektintensität wird, metaphorisch gesprochen, ,,heruntergefahren" und von einem Mantel selbsterzeugter Gleichgültigkeit umgeben. Den Pädagogen erscheinen solche Jugendlichen typischerweise als wie betäubt, benommen oder weggedämmert.

Die Folge solcher Vermeidungsstrategie zeigt sich für Pädagogen wiederum als heftige Erschwernis, denn solche Jugendlichen zeigen, wie immer der Pädagoge zu "zaubern" versucht, eine extrem geringe Entflammbarkeit. Das Kernproblem lässt sich dann weniger so beschreiben, dass ein Individuum an sich etwas wolle, es aber nicht umsetzen könne. Sondern vielmehr so: dass ein Individuum für sich selbst nicht weiß, was es überhaupt wollen könnte. Das heißt, die Kemschwierigkeit ist nun eine schwer fassbare Unentschiedenheit bzw. ein Schwäche bereits bei basalen Voraussetzungen für Selbststeuerung. Ich hoffe, es ist in dieser Interpretationsperspektive nachvollziehbar, dass die betreffenden Jugendlichen mit liberalen pädagogischen Angeboten der thematischen Mitbestimmung und der Selbstmotivierung in hoch individualisierten Lernarrangements nicht so recht "anspringen". Für die betroffenen Individuen entsteht das Problem, zuallererst lernen zu müssen, was es überhaupt heißt, zu "wollen". Es geht dann darum, überhaupt motivationale Kompetenz zu erwerben. Es ist dies ein Problem nicht so sehr mit der Umsetzung des Wollens als mit der Bildung des Wollens.

Die Eigenweit als "Relevanzkorridor"

Ein gewisser positiver Effekt der Relativierung der Allgemeinkultur lässt sich vielleicht darin sehen, dass der frühere Einschüchterungsgehalt des Bildungskanons extrem abgenommen hat und dass dadurch Affekte einer Bildungsscham kaum noch auftreten. In einer Folge der beliebten Quizsendung von Günter Jauch war folgendes zu sehen: Der Kandidat, ein jüngerer Mann in der Zwanzigern, konnte mehrfach auf Fragen außerhalb des Bereichs von Populärkultur und Sport, nicht die Lösung finden. In diesen Fällen sagte er zum Moderator: "Das war vor meiner Zeit." Und der schluckte etwas. Alles "vor meiner Zeit" gehört eben nicht zur eigenen Welt -und damit Basta.

In dieser Lage nehmen die Individuen eher die Position kultureller ..Selbstversorger" ein. Sie nehmen den Mix aus Symbolen, Zeichen, Deutungsmustern und Verhaltensstilen, die die Populärkultur im Angebot bereit hält, zur Kenntnis, schmelzen diese aber im eigenen alltäglichen Leben und in den eigenen "Szenen" nach subjektiven Vorlieben ein. Sie übernehmen nicht die Fertigteile der PopuJärkultur, sondern sie verwenden sie. Die Individuen bauen sich ihre mentalen Eigenwelten.

Diese Eigenwelten sind nicht örtlich zu verstehen, sie sind nicht die soziale Nahwelt, sondern setzen sich zusammen aus dem, was der einzelne aus dem umfassenden Angebot der Populärund Alltagskultur für sich an Bedeutsamkeiten selektiv heraussclmeidet. Die Eigenwelten sind nicht (nur) dinglich zu verstehen, sondern sie bestehen insbesondere in der Veränderung von Wissens-und Umgangsstilen. Die Eigenwelten beinhalten die Selbstfestlegung auf bestimmte Praktiken, Präferenzen, Dringlichkeiten, Weltzugängen.

Diese Eigenwelten sind heutzutage, das ist hier die Grundthese, strukturbildend für die mentale Ausstattung des Individuums geworden. Die Eigenwelten sind nicht mehr, wie für fiiihere Jugendgenerationen, ein Nischenbereich, der mühsam gegen die Ansprüche der Umwelt verteidigt werden muss. Sondern sie können nun als mentales Zentrum der eigenen Lebensfonn wahrgenommen werden. Die Eigenwelten sind also nicht nur für sich wichtig, sondern sie strahlen gewissennaßen in alle Lebensbereiche aus und geben diesen eine spezifische Einf<irbung. Sie sind deshalb nicht bloß eine gesellschaftlich akzeptierte Parallelwelt, sondern wirkliche "Leitkultur" geworden. Die Maßstäbe aus den Eigenwelten werden zur Messgröße für Plausibilität, Sinnhaltigkeit und Akzeptanz. Und diese Maßstäbe aus den Eigenwelten werden so gut wie ungefiltert in die unterschiedlichen Lebensbereiche, also zum Beispiel auch in die Schule, exportiert. Dort üben diese impliziten, ganz selbstverständlich verwendeten Maßstäbe einen hoher nonnativer Druck aus, der eine neuen Typus verschärfter Anerkennungskonflikte hervorgebracht hat.

Die Aktualität von dichten Strukturen und hoher Strukturiertheit

Für einen Vergleich der heutigen Jugendgeneration mit den vorhergehenden möchte ich es etwas abstrakter ausdrücken: Früher trat ein Individuum nach einer (relativ) freien Kindheit mit Eintritt in die Adoleszenz in eine Lebensphase ein, in der die Strukturen zunehmend dichter wurden. Einfacher gesagt: Mit zunehmendem Jugendalter wurde fast alles ernster und "strenger". Heute hingegen bedeutet der Eintritt in die Adoleszenz keinesfalls mehr, dass die umgebenden Strukturen dichter werden. Im Gegenteil -mit Eintritt in die Adoleszenz nehmen die Bereiche, in denen man selbst wählen, entscheiden und in hohem Maße den eigenen Vorlieben folgen kann, deutlich zu, d.h. die Strukturen werden gerade lockerer. Insofern kann man sagen, die heutige Adoleszenzphase bedeutet, mit einer doppelten Entstrukturierung zu tun zu haben. Der Umbau der Subjektivität, sozusagen die innere psychische "Großbaustelle'\ muss bewältigt werden, während parallel hierzu das gesellschaftliche Umfeld immer unübersichtlicherund instabiler wird. Die biographischen Fahrpläne sind nicht mehr eindeutig.

Ich möchte an dieser Stelle gewissermaßen antizyklisch argumentieren -also bezogen auf eine die Kompensation von Diffusionserfahrungen bzw. der Folgeprobleme von Informalisierung und Unterstrukturiertheit. Ich halte es für eminent wichtig, dass die Jugendlichen Erfahrungen mit Strukturiertheit machen können.

In dem kürzlich viel beachteten Dokumentarfilm "Rhythm is it" wird gezeigt, wie so genannte schwierige Jugendliche an einem ästhetisch-sozialem Projekt teilnehmen. Sie erarbeiten unter der Anleitung eines professionellen Choreographen eine kollektive Tanzversion zu Strawinskys "Le Sacre du Printemps", die am Ende zusammen mit den Berlinern Symphonikern auf der Bühne aufgefiihrt werden soll. Dieser Prozess ist, wie der Film eindrucksvoll zeigt, ebenso leid-wie lustvoll. Immer wieder sperrt sich ein Teil der jugendlichen Akteure dagegen, bei den Proben, die sich mehrere Wochen lang hinziehen, die Gewohnheiten aus ihren Eigenwelten einmal auszusetzen. Zu Beginn jeder Probe ist jeder Teilnehmer aufgefordert, eine immer gleiche Eingansposition einzunehmen -sie sollen sich bewegungslos vor die leere Hallenwand stellen und für eine Weile konzentriert verharren. Erwartungsgemäß durchkreuzt ein Teil von ihnen dieses Mini-Ritual durch Dazwischenreden, Albernheiten u.ä. So kommt es zwischen ihnen und dem Choreographen immer wieder zu Auseinandersetzungen und symbolischen Kämpfen. Das Selbstbewusstsein der Jugendlichen sei, so lautet die einleuchtende Interpretation des Choreographen, so gering, dass sie es kaum ertragen könnten, dass überhaupt eine ernste Anforderungssituation aufgebaut wird. Der Choreograph ist beharrlich und klug, und er kann schließlich überzeugen. Die Probenarbeit mündet nach schweren Gruppenkrisen schließlich in eine fulminante Bühnenauffiihrung.

Ich fuhre dieses Beispiel hier wegen der Bedeutung des Settings an. Konflikthaft, aber produktiv weiterführend ist in diesem Beispiel gerade ein regelhafter Rahmen, in dem ein zeitweiliges Aussetzen der Alltagsgewohnheiten zustande kommt -und sei es eine so kleine Re·gel, wie anfangs konzentriert vor der Hallenwand zu stehen. Eine gekonnte Künstlichkeit der Situationsgestaltung verführt im guten Sinne des Wortes dazu, sich auf fremde Situationen einzulassen. Nicht die Annäherung an das Immer-schon-Bekannte, nicht die Einebnung der Differenz zu den Alltagsroutinen wird hier angeboten, sondern umgekehrt: die Erfahrung einer kleinen, festgelegten Außeralltäglichkeit. Gewiss, Pädagogen sind keine Choreographen und pädagogische Felder sind zumeist keine Vorbereitung auf eine Tanzvorfühnmg; das ist mir schon klar. Aber dennoch: auch pädagogische Situationen haben ein Moment von Inszenierung. Und für unterschiedliche Situationen der pädagogischen Arbeit eigene "Spielregeln" einzuführen, die neue Selbstverständlichkeiten stiften, kann eine ebenso stabilisierende wie anregende Wirkung haben. (Ein anderes Beispiel für die Etablierung eines im besten Sinne "befremdlichen" Settings bietet die Lehrer-Figur in Peter Weirs berühmtem Film "Der Club der toten Dichter".

In therapeutischen und sozialpädagogischen Kontexten gibt es den Begriff des Settings, und er bezeichnet das Gesamt an Regeln und Übereinkünften, die in einem Handlungsfeld die Standardsituation des Arbeitsbündnisses definieren und regulieren. Die Regeln des Settings legen Gebote und Verbote fest, bergen in sich aber ebenso gemeinsame Nonnalitätsdefinitionen, Zielvereinbarungen und Sinnzuordnungen. Ein Setting hat also nicht nur eine ordnungstechnische Bedeutung, sondern darüber hinaus schützende, bedeutungsgenerierende und expressive Wirkungen. Ein Setting kann schützende Rituale der Anerkennung von fonnalen und persönlichen Unterschieden zwischen den beteiligten Personen beinhalten. Ein Setting kann spezifische Regelgeltungen an verschiedenen Orten sichern und erfahrbar machen (etwa die Differenz zwischen Öffentlichkeit und Privatheit). Und es kann ich-stützende Grenzziehungen beinhalten und damit Hilfe zur Selbstberuhigung, zur Regeteinhaltung und zur Ambivalenzentlastung.

Dichte Strukturen können die Last der Offenheit nicht beseitigen, aber erträglicher machen. Jedenfalls wäre eine Etablierung und ein wenschätzende Aufmerksamkeit ruf Settings eine Art von Gegenaufmerksamkeit, die die diffusionierenden Folgen der erwähnten Suhjektivierung und Informalisierung durchaus abmildern könnte. Eine Gleichzeitigkeit von Entscheidungsschwäche und verschärfter Selbstbeobachtung kann das ungute Ergebnis haben, sich in den eigenen Selbstfestschreibungen zu verhaken. Die "keine-Lust"-Parole wird dann gleichsam allgegenwärtig. Eine Lockerung solcher lähmenden Selbstbeschreibungen setzt voraus, zu den unmittelbar gegebenen Affekten ein Distanz einzunehmen und uns selbst wünschend zum Thema zu machen. Wir können auf diese Weise Wollensideale ausbilden, also Vorstellungen, wie das eigene Wollen aussehen könnte. Der Weg hierhin liegt, wie gesagt, in der Fähigkeit zu einem inneren Abstand oder besser: zu einer Phantasie, die mich antreibt, "im Inneren Möglichkeiten auszuprobieren". Es geht also darum, die innere Kommunikationsfahigkeit zu erhöhen; diese wiederum dürfte gebunden sein an die Möglichkeiten der Symbolisierungsfahigkeit -also ob wir erlernen, für die wertende Bestimmung unserer Wünsche eine Artikulationsmedium zu finden, seien es Worte oder Bilder.

Über die Lockerung der eingewohnten Selbstfestschreibungen kann ich also meine Wollensideale verändern, also meine Idealvorstellungen davon, welches Verhältnis zu meinem "Wollen" ich aufbauen möchte. Ich vermute, hierfür ist ein Moment von narzisstischer Idealisierung unerlässlich. Ich nenne dies das "affektive Futur 11" und meine damit folgendes: Um einen Wunsch längerfristig umsetzen zu können -z.B. Gitarrespielen zu erlernen -bedarf es der Kraft, mir erreichbare und hinreichende Zwischenziele zu setzen. Diese Kraft steht aber in einem inneren Zusammenhang mit der imaginativen Fähigkeit, mir ein Bild machen zu können, wie gut ich mich fühlen werde, wenn ich Gitarrespielen "gelernt haben werde" (Futur 11). Die Vorwegnahme solcher Zustände des Stolzes und des Selbstgenusses ist nichts anderes als die Fähigkeit zu einer ebenso intensiven wie gegen Zwischenfrustrationen hinreichend resistenten Vorfreude. Zwischen Stolzbedürfnissen, stabiler Vorfreude und Erweiterung von IchMöglichkeiten besteht meines Erachtens ein enger Zusammenhang. Die Erweiterung von IchMöglichkeiten ist aber nichts anders als eine Erweiterung des eigenen Motivationshorizonts: Man wird phantasievoller hinsichtlich dessen, wie und was man "wollen" könnte.

Thomas Ziehe, Jahrgang 1947, ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Leibniz Universität Hannover.


 
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